14. Islamisches Lager, Charmey (FR), 2004

Digital StillCamera

Bericht von Hamit Duran

Das diesjährige Lager unterschied sich von den vorhergehenden dadurch, dass es zum ersten Mal in der französischen Schweiz durchgeführt wurde. Die Redaktion der Zeitschrift „Die Barmherzigkeit“ hatte ein geräumiges Haus in Charmey in der Nähe von Bulle im Kanton Fribourg angemietet. Obwohl der Ort mit rund zweieinhalb Stunden Fahrzeit relativ weit weg von Zürich gelegen war, war es kein Problem, die 100 Plätze zu füllen, alhamdulilah. Wie schon vorletztes Jahr in Mannenbach am Bodensee konnten leider nicht alle Geschwister, die sich angemeldet hatten, aufgenommen werden. Auf der einen Seite ist dies sehr erfreulich für die Veranstalter, da offensichtlich ein grosses Interesse an diesem Lager herrscht, auf der anderen Seite ist es natürlich aber schade, dass nicht alle das schöne Erlebnis teilen konnten.

Das Lager begann offiziell am Freitagabend nach einem köstlichen Nachtessen mit Bruder Rüstü Aslandur aus Karlsruhe, der anhand einer eindrücklichen Computerpräsentation verschiedene Waisenprojekte von Muslime Helfen vorstellte. Muslime Helfen wurde bereits 1985 in München als freies, gemeinnütziges Hilfswerk gegründet, war und ist aber vor allem in der Schweiz noch nicht allzu stark bekannt.

Bruder Rüstü untermauerte die Wichtigkeit der Hilfe im Islam durch eine Vielzahl von Ahadith, z.B. durch ein Hadith Qudsî, das bei Muslim überliefert ist:

«O Sohn Adams, Ich habe dich um Trank gebeten, doch du hast Mich nicht getränkt. Er sagte: ,O Herr, wie kann ich Dich tränken, wo Du doch der Herr der Welten bist?´ Er sprach: ,Einer Meiner Knechte hat dich um Trank gebeten, doch du hast ihn nicht getränkt? Wenn du ihn aber getränkt hättest, hättest du (den Lohn für) dies bei Mir gefunden.´»

Ee hob dabei insbesondere die Bedeutung des sauberen Wassers hervor. Die grössten Gefahren für Waisenkinder stellen dar:

  • Armut
  • Ausbeutung
  • AIDS
  • Krieg & Gewalt
  • Flucht

Bruder Rüstü erinnerte die Zuhörer daran, dass der Prophet Muhammad (a.s.) mit sechs Jahren selbst zum Vollwaisen wurde. So heisst es im Qurân dazu:

«Hat Er dich [Muhammad] nicht als Waise gefunden und Bleibe gegeben? Und Er hat dich fehlgehend gefunden und rechtgeleitet? Und Er hat dich verarmt gefunden und reich gemacht? Also, was die Waise angeht, so nötige sie nicht…» (Sura ad-Duhâ. Verse 6-9)

Bei Muslime Helfen wird die Waisenhilfe seit 1998 als eigenständige Abteilung geführt. Waisen werden mit bis zu 25 Euro pro Monat unterstützt, wobei diese zunächst auf jeweils 6 Monate beschränkt ist. Die Präsentation gab im weiteren Verlauf einen tieferen Einblick in die Situation von Waisen in verschiedenen Ländern wie z.B. Irak, Afghanistan, Uganda, Indonesien etc. Im Jahre 2003 konnten immerhin 68’000 Euro an Hilfsgeldern an Waisen verteilt werden. Obwohl die Waisen mehrheitlich Muslime sind, ist dies nicht eine zwingende Voraussetzung, um in den Genuss der Unterstützung durch Muslime Helfen zu kommen. Weitere Informationen zu den  Waisenprojekten können auf dem Internet unter www.waisen.de abgerufen werden.

In der anschliessenden Diskussion wurde nochmals deutlich, dass Muslime Helfen in der Schweiz noch viel zu wenig bekannt ist. Nur gut, dass Bruder Rüstü während des ganzen Lagers einen kleinen Stand betrieb, an dem man sich weiter informieren und auch Produkte von Kauf&Hilf (siehe www.kaufundhilf.de) beziehen konnte.

Obwohl die Zeit schon weit fortgeschritten war, führten viele Geschwister bei Kaffee, Tee und Kuchen noch angeregte Diskussionen und Gespräche, so dass das Haus erst weit nach Mitternacht zur Ruhe kam.

Muslimsein im Alltag

Der nächste Tag begann mit dem gemeinsamen Morgengebet, das um 5:00 Uhr verrichtet wurde. Anschliessend konnte man sich bis zum Frühstück um 8:00 Uhr nochmals zur Ruhe legen. Bruder Salim bestritt anschliessend den ersten Vortrag an diesem Tag. Obwohl er, wie er in seinen Ausführungen betonte, zu diesem Vortrag wie die Jungfrau zum Kinde gekommen war, überraschte er die Zuhörer mit seiner hoch interessanten und pragmatischen Art, wie er dieses Thema anpackte. Das Leben ist ein ständiges Lernen, wir dürfen niemals damit aufhören und uns nicht einfach auf die fünf Säulen beschränken. Besonders interessant war sein Bezug zur modernen Theorie des Marketings. Er unternahm den gewagten Vergleich, dass der Muslim sich im Prinzip wie ein Produkt «verkaufen» muss. In der klassischen Marketingtheorie spielen die folgenden «vier P’s» für den erfolgreichen Verkauf eines Produktes eine wichtige Rolle:

  1. Produkt
  2. Preis
  3. Place (Ort)
  4. Promotion (Werbung)

Also müssen auch wir Muslime versuchen, unser «Produkt,» den Islam, zum richtigen «Preis» am richtigen «Ort» mit der richtigen «Werbung» zu verkaufen.Teilnehmer beim Mittagessen

Ausserdem hob Bruder Salim hervor, dass wir Muslime in einer ganz speziellen Situation sind. Von uns wird immer erwartet, dass wir perfekt sind und alles richtig machen. Persönliche Fehler unsererseits werden sofort als Schwäche des Islam interpretiert und auf alle Muslime übertragen. Es versteht sich von selbst, dass sich eine äusserst angeregte Diskussion dem Vortrag anschloss.

Nach einer kurzen Pause ging es dann weiter mit einem Beitrag von Schwester Halide Hatipoglu aus Oetwil a.d. Limmat zum Thema Weibliche Tradition im Islam. Ausgangspunkt ihres Vortrages bildete das Buch «Meine Seel ist eine Frau – Das weibliche im Islam,» das von der vor ein paar Jahren verstorbenen, mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Orientalistin Annemarie Schimmel herausgegeben worden war. Schwester Halide empfahl das Buch allen am Thema Interessierten zur Lektüre.

Im Qurân werden verschiedene bedeutende Frauen zum Teil auch namentlich erwähnt. Aber nur einer Frau gereicht zu negativem Ruhm im Qurân, der Frau Abu Lahabs. Schwester Halide gab dann zahlreiche Beispiele von Frauen, die grosse Beiträge als Wissenschaftler, Dichter, Mystiker, Herrscher u.s.w. geleistet hatten; allen voran ´Aischa (r.a.), die unter anderem sehr viele Ahadith überliefert hat.

Verregneter Nachmittag

Nachdem die Teilnehmer das köstliche Mittagessen zu sich genommen hatten, stand der Samstagnachmittag dann zur freien Verfügung. Trotz des immer wieder einsetzenden Regens, wagte es  eine grössere Gruppe, mit der zu Fuss bequem zu erreichenden Gondelbahn auf die «Dents Vertes», also die «Grünen Zähne» zu fahren. Der Name stammt von der Form der drei Bergspitzen, die tatsächlich wie riesige grüne Zähne aussehen. Leider war der Ausflug nur von kurzer Dauer, da plötzlich wieder sehr heftiger Regen einsetzte. Auch eine Gruppe ganz Verwegener, die sich aufmachte, einen der Zähne zu besteigen, musste ihr Vorhaben vorzeitig abbrechen und unverrichteter Dinge den Rückzug antreten.Kinder beim Spielen

Glücklicherweise bot das Haus selbst genügend Möglichkeiten sich anderweitig zu beschäftigen, z.B. mit Tischfussball, Volleyball oder Tischtennis. Auch hatte sich in der Eingangshalle ein kleiner Basar gebildet mit Büchern, Kleidern und anderen nützlichen Produkten.

Nach einem wiederum hervorragenden Abendessen fand dieser Tag dann seinen Abschluss in einem Vortrag von Bruder Ahmed von Denffer, der zum Thema Islam zwischen Theorie und Praxis sprach. Es ist für uns wichtig, dass wir in unserem Leben die richtigen Prioritäten setzen. Das Leben des Propheten Muhhamad (a.s.s.) kann denn auch nicht in allen Punkten nachgeahmt werden. So ist es für uns z.B., so sehr wir uns auch bemühen, unmöglich, Offenbarungen zu empfangen. Manche Ratschläge des Propheten richten sich an alle Menschen, manche nur an bestimmte Personen in ganz bestimmten Situationen. In unserem Leben gelten die folgenden Grundsätze:

  • Jeder ist für sich selbst verantwortlich
  • Niemand kann für jemand anderes sprechen
  • Jeder muss sich selbst ständig zur Rechenschaft ziehen

Wir müssen uns immer bewusst sein, dass der Glaube im Menschen nicht konstant ist. Er kann zu- oder abnehmen; er kann sogar verschwinden und dann wieder kommen. Auch die Frage, wie wir unser Wissen in positive Handlungen ummünzen können, sollte uns immer beschäftigen.

Nach einer anschliessenden Diskussion zogen sich manche Teilnehmer dann zum Schlafen zurück, andere nutzten wiederum die Gelegenheit, den Tag bei Kaffee, Tee und Kuchen langsam ausklingen zu lassen.

Vorherbestimmung und Selbstverantwortung: ein Widerspruch?

Der Sonntagmorgen begann wieder mit dem gemeinsamen Morgengebet um 5:00 Uhr. Nach dem Frühstück bestritt dann Schwester Esther Fouzi aus Wald den letzten Vortrag des diesjährigen Lagers. Sie hatte sich dieses Mal ein besonders interessanrtes Thema ausgesucht: Vorherbestimmung und Selbstverantwortung. Wir müssen uns klar darüber sein, dass Allah (t.) der Schöpfer aller Dinge ist, der guten sowie der bösen. Um dies zu veranschaulichen, zitierte sie einige Zeitungsartikel, die schwere Schicksalsschläge von Menschen dokumentieren. Da wurde von Menschen berichtet, die aufgrund eines Bagatellunfalls ihr Leben verloren, auf der anderen Seite war aber in einem Fernsehbeitrag eine Frau zu sehen, deren Fallschirm nicht aufging, und die trotzdem einen 3000 m Sturz überlebte. Vor laufender Kamera meinte sie bloss, sie werde wieder springen, es sei «fun», mache halt Spass. Kein Wort der Dankbarkeit, keine Frage, ob da nicht vielleicht ein höherer Sinn darin sei, dass sie überlebt hat. Letztendlich ist die Vorherbestimmung ein Mysterium, dessen letzten Details nur Allah (t.) kennt.

Zuhörer während eines VortragesAllah (t.) will, dass es uns gut geht, sowohl im Dies- als auch im Jenseits. Sie nannte dazu das Beispiel zweier Frauen. Der einen wurde ihr 18jähriger Sohn durch einen tragischen Unfall entrissen. Sie verfiel in eine Art Trotzreaktion und haderte mit Gott. Offensichtlich hatte sie die falschen Lehren aus den Ereignissen gezogen. Die zweite Frau ist jene mit dem Fallschirm, die keinen Schimmer von Dankbarkeit zeigte. Sie hatte gar keine Lehren aus dem Wunder gezogen.

Bevor wir unsere widrigen Lebensumstände verurteilen,  müssen wir uns mit grosser Ehrlichkeit fragen: Sind sie wirklich so schlecht, wie ich sie wahrnehme? Oder gibt es auch Gutes darin?

Auch sollten wir uns fragen, ob das, was an uns herangetreten ist, eine Prüfung, die uns vorbestimmt ist, oder ist es vielmehr eine Folge von eigenem falschen Handeln? Was könnte die Ursache sein? Wie könnte ich es ändern? Diese Antworten kann nur jeder für sich selber finden.

Auch an diesen Vortrag schloss sich wieder eine angeregte Diskussion, in der hauptsächlich über das richtige Verhalten nach schweren Schickalsschlägen diskutiert wurde.

Abschliessend stillten dann die Teilnehmer ihren Hunger bei einem feinen Mittagessen mit Couscous. Mit dem Aufräumen und Packen endete dann auch das 14. Islamische Lager, alhamdulillah.

An dieser Stelle sei nochmals allen Beteiligten ein herzliches Dankeschön ausgesprochen.

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